Für eine bessere Diagnostik

In seinem Positionspapier hat der wissenschaftliche Beirat der Informationskampagne ADHS und Zukunftsträume darauf hingewiesen, dass eine frühzeitige, umfassende und leitliniengemäße Diagnostik durch einen ärztlichen Spezialisten entscheidend ist für eine erfolgreiche Therapie einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

Etablierte Standards für die Diagnostik sind in Form von Leitlinien vorhanden. Den Leitlinien zufolge zeichnet sich eine gute Diagnostik dadurch aus, dass sie verschiedene Diagnoseverfahren kombiniert und von einem ärztlichen Spezialisten durchgeführt wird. Von entscheidender Bedeutung ist dabei eine umfassende Befragung (Exploration) des Patienten und verschiedener Bezugspersonen aus dem familiären und schulischen Umfeld (Eltern, Lehrer, Erzieher).

Die Diagnose ADHS darf nicht auf Grundlage der Ergebnisse einer einzelnen Fragebogenuntersuchung gestellt werden.

Die etablierten Standards werden in der Praxis in Deutschland jedoch nicht von allen Ärzten in ausreichendem Maß angewendet. Die Folge: Einerseits werden an ADHS erkrankte Patienten nicht als solche erkannt und erhalten auch nicht die erforderliche Behandlung. Andererseits führt eine unvollständige und unzureichende Diagnostik zu falsch-positiven Diagnosen. Das heißt, Patienten erhalten fälschlicherweise die Diagnose ADHS. Letzteres trägt mit dazu bei, dass das Krankheitsbild ADHS immer wieder in Frage gestellt wird.

Um diesem Problem entgegenzuwirken und die Diagnostik in Deutschland zu verbessern, fordert der Beirat:

  1. ADHS und die Abgrenzung zu anderen Auffälligkeiten und Erkrankungen (Differenzialdiagnostik) muss in die medizinische Grundausbildung an deutschen Universitäten integriert werden, um ein fundiertes Grundwissen unter Ärzten sicherzustellen.
  2. ADHS muss in die pädagogische Lehrerausbildung an den deutschen Hochschulen aufgenommen werden, um Lehrern ein fundiertes Grundwissen zu vermitteln.
  3. Im Rahmen der regelmäßigen Kindervorsorgeuntersuchungen („U-Untersuchungen“) muss das ADHS-Screening verstärkt und verbessert werden, um Betroffene früher diagnostizieren und angemessen behandeln zu können.
  4. Im Rahmen der regelmäßigen Kindervorsorgeuntersuchungen muss zudem eine bessere und rechtzeitige Aufklärung der Eltern über Krankheitsbild, Ursachen und Therapiemöglichkeiten erfolgen.
  5. Deutlich mehr Kinder- und Jugendärzte als bisher müssen sich auf die Erkennung und Behandlung von ADHS spezialisieren. Um dies zu erreichen, müssen bundesweit auf Grundlage von § 73 c SGB V Verträge zur qualitätsgesicherten Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS abgeschlossen werden, damit spezialisierte Ärzte eine angemessene Honorierung der zeit- und arbeitsaufwändigen ADHS-Diagnostik erhalten.
  6. Alle Kinder- und Jugendpsychiater in Deutschland müssen ihren Versorgungsauftrag ernst nehmen und sich der Herausforderung ADHS stellen.
  7. Zur Diagnostik der ADHS bei Erwachsenen stellt der Beirat fest: Eine effektive Versorgung von Erwachsenen scheitert aktuell daran, dass zu wenig spezialisierte Zentren und niedergelassene Psychiater vorhanden sind, die eine qualifizierte Diagnostik vornehmen können.

Diese Forderungen wurden vom wissenschaftlichen Beirat der Informationskampagne ADHS und Zukunftsträume erarbeitet und am 23. Februar 2011 in Berlin verabschiedet.