Unsere Positionen

Trotz einer umfangreichen Medienberichterstattung über die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung in den vergangenen Jahren herrscht in der Öffentlichkeit nach wie vor ein unklares, oftmals auch verzerrtes Bild von den betroffenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sowie ihrer Situation vor.

Im Zentrum der (medialen) Aufmerksamkeit stehen häufig das zum Teil problematische Verhalten der jungen Betroffenen sowie die oft polarisierend diskutierte Frage nach der richtigen Behandlung der Erkrankung. Nicht selten wird aber auch die Existenz der Erkrankung als solche in Frage gestellt. Eltern werden mit dem Vorwurf konfrontiert, am normbrechenden Verhalten ihrer Kinder selbst schuld zu sein, ihre Kinder mit Medikamenten „ruhig zu stellen“ oder aber, getrieben von zu ehrgeizigen Lern- und Bildungszielen, deren Leistungsfähigkeit steigern zu wollen.

Derartige Debatten verkennen die oft schwierige Situation der Betroffenen, verfestigen klischeehafte Vorstellungen und tragen zu einer Stigmatisierung bei.

Wir setzen uns ein für eine öffentliche Wahrnehmung, die den Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen mit ADHS und ihren Familien gerecht wird. Deshalb betonen wir nachdrücklich folgende Tatsachen:

  1. ADHS wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus. Betroffene und ihre Familien brauchen Unterstützung.
  2. Betroffene benötigen eine frühzeitige Diagnostik, individuelle Therapie und spezielle Förderung in Schule und Ausbildung, damit sie ihre Begabungen entwickeln, ihr Potenzial ausschöpfen und ihre Ziele erreichen können.
  3. Hierfür ist es erforderlich, dass die bestehenden gesetzlichen Möglichkeiten zur Förderung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS in der Schule tatsächlich umgesetzt werden. Lehrerinnen und Lehrer müssen noch besser dabei unterstützt werden, gemeinsam mit allen Schülerinnen und Schülern ertragreiche Lern- und Bildungsprozesse zu gestalten. Wir unterstützen in diesem Zusammenhang die vom zentralen adhs-netz formulierten Eckpunkte zu ADHS und Schule.

Im Zusammenhang mit der Erkennung und Behandlung der ADHS weisen wir auf folgende medizinisch-wissenschaftliche Erkenntnisse hin:

  1. ADHS ist keine Modeerscheinung, sondern eine behandlungsbedürftige Erkrankung. Sie tritt in unterschiedlichen Kulturen in ähnlicher Häufigkeit auf.
  2. ADHS ist eine neurobiologische Erkrankung. Sie hat überwiegend genetische Ursachen und tritt deshalb oft in einer Familie gehäuft auf.
  3. Für den Verlauf der ADHS sind psychosoziale Faktoren wie z. B. die Erziehung von großer Bedeutung. ADHS kann aber nicht auf bestimmte Erziehungsmethoden oder Medienkonsum zurückgeführt werden.
  4. Eine frühzeitige, umfassende, leitliniengemäße Diagnostik durch einen ärztlichen Spezialisten ist entscheidend für eine erfolgreiche Therapie.
  5. Bei der Behandlung der ADHS kommen verschiedene Maßnahmen zum Einsatz, die in Abstimmung auf die individuelle Situation unterschiedlich kombiniert werden können (multimodale Therapie).
  6. Eine Behandlung mit Medikamenten ist erforderlich, wenn andere Maßnahmen versagen. Manche Betroffene bedürfen ausschließlich einer psychotherapeutischen und psychosozialen Therapie. Bei anderen ermöglichen Medikamente überhaupt erst eine erfolgreiche pädagogische Arbeit oder psychotherapeutische Behandlung. Bei Dritten ist eine medikamentöse Behandlung ausreichend. Ein ausgewiesener Spezialist muss im Einzelfall entscheiden, welche Maßnahmen erforderlich sind, und deren Wirksamkeit und Notwendigkeit regelmäßig überprüfen. Der Behandlungsbedarf kann sich im Verlauf der Erkrankung verändern.
  7. Eine Behandlung mit Medikamenten soll von bzw. in Kooperation mit einem auf ADHS spezialisierten Arzt durchgeführt und überwacht werden.

Dieses Positionspapier wurde vom wissenschaftlichen Beirat der Informationskampagne ADHS und Zukunftsträume erarbeitet und am 23. Februar 2011 in Berlin verabschiedet.